Überspannungsschutz in der Unterverteilung: Wann braucht die UV einen eigenen Typ-2-Ableiter?

Überspannungsschutz in der Unterverteilung ist ein Typ-2-Ableiter, der im Stromkreisverteiler einer Wohnung, eines Geschosses oder eines Nebengebäudes sitzt und Spannungsspitzen dort begrenzt, wo die Endstromkreise beginnen. Er ergänzt den Ableiter im Zählerschrank oder Hauptverteiler, ersetzt ihn aber nicht. Ob die Unterverteilung einen eigenen Ableiter braucht, entscheidet nicht das Baujahr des Hauses, sondern die Leitungslänge zum nächsten Ableiter, das Netzsystem und die Geräte, die an der Verteilung hängen.

Die drei Schutzstufen und ihre Aufgaben erklärt der Beitrag Überspannungsschutz Typ 1, 2 und 3. Hier geht es um die Frage danach: Der Hauptverteiler hat seinen Ableiter. Reicht das bis ins Dachgeschoss, in die Garage, in die Wohnung im dritten Stock?

Was die Norm von der Unterverteilung verlangt

DIN VDE 0100-443 fordert seit der Ausgabe 2016 Überspannungsschutz für neu errichtete Anlagen in Wohngebäuden, verzichtet werden darf nur nach einer dokumentierten Risikobewertung. Auswahl und Errichtung der Ableiter regelt DIN VDE 0100-534. Dort steht auch, was der Ableiter erreichen muss: Die Spannung am Betriebsmittel muss unter dessen Stoßspannungsfestigkeit bleiben. Für Geräte an der Steckdose gilt Überspannungskategorie II mit 2,5 kV, für empfindliche Elektronik Kategorie I mit 1,5 kV.

Ein Typ-2-Ableiter mit einem Schutzpegel von 1,5 kV deckt beides ab, aber nur in seiner Nähe. Je weiter das Betriebsmittel vom Ableiter entfernt ist, desto höher wird die Spannung, die dort tatsächlich ankommt. Genau an dieser Stelle wird die Unterverteilung zum Thema. Wo der erste Ableiter sitzt und was im plombierten Teil des Zählerschranks überhaupt eingebaut werden darf, steht im Beitrag zum Zählerschrank im Einfamilienhaus. Die passenden Schutzgeräte für beide Verteiler findest du unter Verteilung und Schutz.

Die 10-Meter-Grenze: warum der Ableiter im Keller nicht bis unters Dach wirkt

DIN VDE 0100-534 nennt eine Leitungslänge von 10 m zwischen Ableiter und zu schützendem Betriebsmittel. Darüber kann sich die Überspannung am Leitungsende durch Reflexion und Schwingung bis auf das Doppelte des Schutzpegels aufschaukeln. Aus 1,5 kV am Ableiter werden dann bis zu 3 kV am Gerät, und das liegt über den 2,5 kV der Kategorie II. Vom Zählerschrank im Keller bis zum Verteiler im Dachgeschoss sind 10 m schnell überschritten, im Mehrfamilienhaus mit Zählern im Keller und Wohnungsverteiler im Flur fast immer.

Die Lösung ist ein zweiter Typ-2-Ableiter in der Unterverteilung, so nah wie möglich an der Einspeisung des Verteilers. Für ein TN-S-System reicht eine vierpolige Ausführung wie der T2/C-Ableiter 4p, 4 × 20 kA mit 20 kA Nennableitstoßstrom und 40 kA maximalem Ableitstrom je Pol, Schutzpegel 1,5 kV, höchster Dauerspannung 280 V und 4 TE Breite. Der Platz dafür muss im Kleinverteiler vorhanden sein, am besten in der ersten Reihe neben der Einspeiseklemme.

Der zweite Grund für einen eigenen Ableiter ist die Einkopplung in der Unterverteilung selbst. Lange Zuleitungen zu Garage oder Gartenhaus, Schalthandlungen an Motoren oder Verdichtern und Leitungen von PV-Wechselrichtern bringen Spannungsspitzen ein, die der Ableiter im Hauptverteiler nie zu sehen bekommt.

Welche Schaltung zu welchem Netzsystem passt

Die Bezeichnung 3+0, 4+0 oder 3+1 beschreibt, wie die Ableiterpfade geschaltet sind. Sie muss zum Netzsystem am Einbauort passen, nicht zum Netzsystem am Hausanschluss.

  • TN-C, vor der PEN-Aufteilung: drei Pfade von L1, L2, L3 gegen PEN, also 3+0. In Unterverteilungen kommt das kaum vor, weil der PEN meist schon im Hauptverteiler aufgeteilt ist.
  • TN-S, nach der PEN-Aufteilung: vier Pfade gegen PE, also 4+0, oder drei Varistoren gegen N und eine Funkenstrecke von N nach PE, also 3+1. Beides ist zulässig.
  • TT-System: 3+1 ist die richtige Wahl. Die Funkenstrecke zwischen N und PE verhindert, dass im Normalbetrieb Ableitstrom über den Fehlerstromschutzschalter fließt und ihn auslöst oder beschädigt.

Der T2/C-Ableiter 3+1, 60 kA ist für TN-C, TN-S und TT freigegeben und deckt damit die typische Unterverteilung ab, ebenfalls mit Schutzpegel 1,5 kV, 280 V Dauerspannung und 4 TE. Ein Beispiel eines anderen Herstellers mit gleicher Aufgabe ist der V20-3+NPE-280 für TN-C-S, TN-S und TT, mit bis zu 40 kA Ableitvermögen je Pol, thermischer Abtrennvorrichtung, optischer Statusanzeige und als FS-Variante mit potentialfreiem Kontakt zur Fernmeldung. Die höchste Dauerspannung von 280 V ist der übliche Wert für 230/400-V-Netze, sie liegt oberhalb der Netzspannung mit Toleranz, damit der Ableiter im Normalbetrieb nicht leitet. Weitere Schaltungen und Hersteller stehen unter Blitzstrom- und Überspannungsableiter.

Koordination mit dem Ableiter im Hauptverteiler

Hat das Gebäude eine äußere Blitzschutzanlage, sitzt im Hauptverteiler ein Typ-1-Ableiter wie der Blitzstromableiter 60 kA, Klasse T1/T2 mit Schutzpegel 2,5 kV und 255 V Dauerspannung. Der Typ-2-Ableiter in der Unterverteilung muss dazu energetisch koordiniert sein, das heißt: Der Typ 1 übernimmt die hohe Energie, der Typ 2 die Restspannung, ohne überlastet zu werden. Ob dafür eine Mindestleitungslänge oder eine Entkopplungsdrossel nötig ist, steht in den Herstellerangaben. Bei Ableitern aus einer Serie entfällt die Mindestlänge meist, bei gemischten Fabrikaten muss sie geprüft werden.

Ohne äußeren Blitzschutz sitzt im Hauptverteiler in der Regel ebenfalls ein Typ 2. Dann sind Haupt- und Unterverteilung mit demselben Ableitertyp am einfachsten zu koordinieren. Voraussetzung in beiden Fällen ist ein durchgehender Schutzpotentialausgleich: Der Ableiter kann die Energie nur dorthin ableiten, wo eine niederohmige Verbindung zur Haupterdungsschiene besteht. Material dafür steht unter Blitzschutz, Erdung und Potentialausgleich.

Einbau: kurze Wege, Vorsicherung, Platz vor dem FI

Der häufigste Fehler beim Einbau ist nicht der falsche Ableiter, sondern die zu lange Anschlussleitung. DIN VDE 0100-534 begrenzt die Summe aus Zuleitung zum Ableiter und Leitung vom Ableiter zum Schutzleiter auf 0,5 m. Jeder zusätzliche Meter erhöht den Schutzpegel am Betriebsmittel spürbar, weil an der Leitungsinduktivität beim steilen Stoßstrom zusätzliche Spannung abfällt. Geht es kürzer nicht, hilft die V-Verdrahtung: Die Zuleitung wird durch die Ableiterklemme geschleift, statt vom Ableiter abzuzweigen. Für die Verbindung zum Schutzleiter gelten bei Typ 2 mindestens 6 mm² Kupfer, bei Typ 1 mindestens 16 mm².

Zweitens die Vorsicherung. Jeder Ableiter hat im Datenblatt eine maximale Vorsicherung. Liegt die Sicherung vor der Unterverteilung darüber, bekommt der Ableiter eine eigene Vorsicherung im Abzweig. Drittens die Position zum Fehlerstromschutzschalter: Der Ableiter gehört vorzugsweise auf die Einspeiseseite vor den FI. Muss er dahinter sitzen, ist die 3+1-Schaltung Pflicht und ein kurzzeitverzögerter FI vom Typ S die sichere Ergänzung, sonst löst der FI bei jedem abgeleiteten Stoßstrom aus.

Viertens der Platz: 4 TE für den vierpoligen Ableiter plus Vorsicherung plus Verdrahtungsraum. Wer die Unterverteilung neu baut, plant das mit ein, wie im Beitrag Unterverteilung richtig planen beschrieben. Nach dem Einbau bleibt die Sichtkontrolle: Die Statusanzeige zeigt, ob die thermische Abtrennvorrichtung ausgelöst hat. Dann ist der Steckeinsatz zu tauschen, der Schutz ist bis dahin weg. Ersatzeinsätze und komplette Ableiter stehen unter Blitzstrom- und Überspannungsableiter.

Typische Fälle aus der Praxis

  • Wohnung im Mehrfamilienhaus: Zähler im Keller, Wohnungsverteiler im Flur. Die 10 m sind überschritten, ein Typ-2-Ableiter in 3+1 oder 4+0 gehört in den Wohnungsverteiler.
  • Dachgeschossausbau mit eigenem Verteiler: gleicher Fall, zusätzlich hängen dort oft Lüftung, Klimagerät und Netzwerktechnik mit Elektronik der Kategorie I.
  • Garage, Werkstatt, Gartenhaus: lange Zuleitung, eigene Unterverteilung, oft eigener Erder. Typ 2 im Nebengebäude ist der Regelfall, bei äußerem Blitzschutz oder eigenem Fundamenterder ein Typ 1 oder Kombiableiter.
  • Wallbox, Wärmepumpe, Wechselrichter an der Unterverteilung: Leistungselektronik mit 1,5 kV Stoßspannungsfestigkeit. Der Ableiter gehört in den Verteiler, der diese Geräte versorgt, bei PV zusätzlich ein DC-Ableiter auf der Modulseite.
  • Bestandswohnung ohne Ableiter im Hauptverteiler: Wird nur der Wohnungsverteiler erneuert, ist der Typ 2 dort der erste Ableiter der Anlage. Er schützt die Wohnung, ersetzt aber nicht den fehlenden Schutz am Hausanschluss, der nachgezogen werden sollte.

In allen fünf Fällen gilt: Ableiter, Vorsicherung und FI-Position zusammen planen, nicht nacheinander. Der Verteiler wird einmal bestückt und danach selten wieder angefasst.

Häufige Fragen

Reicht der Ableiter im Zählerschrank für das ganze Haus?

Nur für Verteiler und Geräte innerhalb von etwa 10 m Leitungslänge. Darüber kann die Spannung am Leitungsende auf das Doppelte des Schutzpegels steigen. Jede Unterverteilung jenseits dieser Grenze bekommt einen eigenen Typ-2-Ableiter.

Muss ich im Bestand nachrüsten?

Eine allgemeine Nachrüstpflicht für unveränderte Anlagen gibt es nicht. Wird die Unterverteilung erneuert oder wesentlich erweitert, gilt DIN VDE 0100-443 für den geänderten Teil, und dann gehört der Ableiter dazu. Unabhängig von der Pflicht ist er die günstigste Versicherung für Wärmepumpe, Wechselrichter und Netzwerk.

3+1 oder 4+0, was ist richtig?

Im TT-System 3+1. Im TN-S-System sind beide zulässig, 3+1 hat den Vorteil, dass es auch hinter einem Fehlerstromschutzschalter keine Fehlauslösungen verursacht. Im Zweifel ist 3+1 die Schaltung, die in beiden Netzsystemen funktioniert.

Darf der Ableiter hinter dem FI sitzen?

Vorzugsweise nicht. Wenn es die Verteilerstruktur nicht anders zulässt, dann nur in 3+1-Schaltung, und der FI sollte kurzzeitverzögert vom Typ S sein. Sonst fließt der Stoßstrom über den FI und löst ihn aus oder beschädigt ihn.

Kann ich den Ableiter selbst einbauen?

Nein. Der Einbau erfolgt an der Einspeisung des Verteilers, dort liegen Anschlüsse unter Spannung, und Anschlusslänge, Vorsicherung und Netzsystem müssen fachlich bewertet werden. Das ist Arbeit für eine Elektrofachkraft, die Beschaffung des passenden Ableiters kannst du vorbereiten.

Vorausgehend Neben