Glasfaser im Gebäude: OM3, OM4 oder OS2?

OM und OS sind keine Qualitätsstufen derselben Sache, sondern zwei grundverschiedene Fasertypen. OM steht für Multimode mit 50 Mikrometer Kernduchmesser, OS für Singlemode mit 9 Mikrometer. Der Kern entscheidet über Reichweite, Steckertoleranz und die Kosten der aktiven Technik - und diese Entscheidung fällt vor dem ersten Meter Lichtwellenleiter, nicht danach.

Im Gebäude wird die Wahl fast immer zu schnell getroffen. Multimode gilt als Standard fürs Backbone, Singlemode als Sache des Providers. Beides ist inzwischen überholt.

Multimode oder Singlemode: die eigentliche Entscheidung

Multimode führt das Licht über viele Ausbreitungswege im 50-Mikrometer-Kern. Das macht die Steckverbindung tolerant gegenüber kleinen Versätzen, begrenzt aber durch Modendispersion die Reichweite. Gearbeitet wird bei 850 Nanometern mit günstigen VCSEL-Sendern - genau das ist der Kostenvorteil.

Singlemode führt nur einen Modus im 9-Mikrometer-Kern. Die Reichweite ist dadurch praktisch kein Thema mehr, die Anforderungen an Steckerpräzision und Sauberkeit steigen aber deutlich. Die Sender arbeiten bei 1310 oder 1550 Nanometern und waren lange der teure Teil der Rechnung.

Die Faustregel lautet heute: Innerhalb eines Gebäudes mit Strecken bis etwa 150 Meter ist Multimode wirtschaftlich, für Campus, Gebäudeverbindungen und alles über 300 Meter führt kein Weg an Singlemode vorbei. Für die horizontale Verkabelung zum Arbeitsplatz bleibt Kupfer die richtige Wahl - warum, steht im Beitrag zu Cat 6A und Cat 7.

OM3, OM4, OM5: was die Fasertypen unterscheiden

OM3 ist laseroptimiert und trägt 10 Gigabit über 300 Meter. OM4 hat eine höhere modale Bandbreite und schafft dieselbe Datenrate über 400 Meter. Erst bei höheren Raten wird der Unterschied wirklich relevant: Bei 40 und 100 Gigabit über parallele Fasern liegt OM3 bei rund 100 Metern, OM4 bei etwa 150.

OM5 erweitert das Konzept auf mehrere Wellenlängen im Bereich 850 bis 950 Nanometer und erlaubt damit höhere Raten über nur zwei Fasern statt acht. Für die meisten Gebäudeprojekte ist das ein Sonderfall - im Rechenzentrum kann es die Faserzahl im Backbone deutlich senken.

OM1 mit 62,5 Mikrometer und OM2 gelten als veraltet und sollten in Neuinstallationen nicht mehr auftauchen. Ein Mischen von 62,5 und 50 Mikrometer innerhalb einer Strecke erzeugt Dämpfungssprünge, die keine Messung mehr sauber bekommt. Wo die Fasern im Systemrack zusammenlaufen, sollte deshalb ein Fasertyp durchgezogen sein.

OS2 im Gebäude: warum Singlemode nicht mehr teuer ist

Das alte Argument gegen Singlemode war die Optik im Switch. Dieser Abstand ist geschrumpft: Der Aufpreis für ein 10-Gigabit-Modul in Singlemode gegenüber Multimode liegt heute im überschaubaren Bereich, während OS2-Kabel selbst günstiger ist als OM4.

Dazu kommt der Zukunftsaspekt. Eine OS2-Strecke, die heute mit 10 Gigabit betrieben wird, trägt später 100 Gigabit über dieselbe Faser - ohne dass jemand die Wand öffnet. Bei Multimode entscheidet die verlegte Faserklasse dagegen dauerhaft über die Obergrenze. Ein OS2-Patchkabel mit LC- und ST-Anschluss ist außerdem der übliche Weg, wenn ein neues Patchfeld auf ältere ST-Technik trifft.

OS1 und OS2 unterscheiden sich vor allem in der Dämpfung: OS2 liegt bei höchstens 0,4 Dezibel je Kilometer bei 1310 Nanometern, OS1 als reines Innenkabel deutlich darüber. Im Neubau ist OS2 der sinnvolle Standard.

Steckertypen: LC, SC, MPO - und was APC bedeutet

LC ist heute der Standard im Gebäude. Der kleine Formfaktor erlaubt hohe Portdichten im LWL-Patchpanel und passt zu den gängigen SFP-Modulen. SC findet sich noch häufig an Übergabepunkten und in älteren Anlagen, ST praktisch nur im Bestand. MPO bündelt 12 oder 24 Fasern in einem Stecker und ist die Grundlage für parallele Übertragung bei 40 und 100 Gigabit.

Der Zusatz PC, UPC oder APC beschreibt den Schliff der Endfläche. PC und UPC sind leicht ballig geschliffen, APC zusätzlich um acht Grad schräg. Der Schrägschliff lenkt reflektiertes Licht aus dem Kern heraus und hebt die Rückflussdämpfung auf über 60 Dezibel - Pflicht überall dort, wo analoge Signale oder empfindliche Übertragungsverfahren im Spiel sind.

Die harte Regel dabei: APC verbindet sich nur mit APC. Steckt man APC auf UPC, berühren sich die Endflächen nur an einer Kante, der Luftspalt treibt die Dämpfung hoch und beide Ferrulen nehmen Schaden. Erkennbar ist APC am grünen Gehäuse - ein LC-auf-SC/APC-Patchkabel gehört deshalb sauber dokumentiert. Passende LWL-Verbinder sowie Kupplungen und Pigtails sollten aus einer Systemfamilie kommen.

Dämpfungsbudget rechnen statt schätzen

Ob eine Strecke funktioniert, entscheidet nicht die Länge allein, sondern die Summe aller Verluste gegen das Budget des optischen Moduls. Rechne mit rund 3,5 Dezibel je Kilometer bei Multimode und 850 Nanometern, bei Singlemode mit 0,4 Dezibel je Kilometer bei 1310 Nanometern.

Dazu kommen die Verbindungen: Je Steckverbindung sind etwa 0,3 Dezibel realistisch, je Spleiß rund 0,1 Dezibel. Eine typische Gebäudestrecke mit zwei Patchfeldern und zwei LWL-Patchkabeln kommt damit auf vier Steckverbindungen - allein 1,2 Dezibel, bevor überhaupt ein Meter Faser gerechnet ist. Bei kurzen Strecken dominieren die Stecker das Budget, nicht die Faser.

Gemessen wird am Ende mit Einfügedämpfungsmessung, bei längeren oder kritischen Strecken zusätzlich per OTDR. Ohne Messprotokoll gibt es bei späteren Störungen keinen Nachweis, dass die passive Strecke in Ordnung war. Das komplette LWL-Sortiment deckt Kabel, Verbinder und Verteilertechnik dafür ab.

Verlegung, Biegeradien und Brandverhalten

Glasfaser verzeiht Zug weniger als Kupfer. Als Richtwert gilt beim Einziehen der zwanzigfache, im verlegten Zustand der zehnfache Kabeldurchmesser als Mindestbiegeradius. Biegeunempfindliche Fasern nach G.657.A2 kommen mit deutlich weniger aus, sind aber kein Freibrief für gequetschte Bündel im Kabelkanal. Saubere Kabelführungssysteme verhindern genau das.

Im Schrank ist die Überlänge das Dauerthema. Jede Faser braucht Reserve für spätere Konfektionierung, und die muss geführt liegen, nicht gewickelt hinter dem Patchfeld. Ein Kabelführungspanel für LWL mit definierten Bügeln hält die Radien ein und macht spätere Änderungen überhaupt erst praktikabel. Welche Höheneinheiten und Tiefen dafür einzuplanen sind, behandelt der Beitrag zum 19-Zoll-Netzwerkschrank.

Beim Brandverhalten gilt die Bauproduktenverordnung: Kabel in Gebäuden brauchen eine CPR-Klassifizierung, und in Flucht- und Rettungswegen fordern die Landesbauordnungen regelmäßig höhere Klassen als das Standardkabel mitbringt. Das ist vor der Bestellung zu klären, nicht bei der Abnahme.

Häufige Fragen

Reicht OM3 oder soll ich gleich OM4 nehmen?
Für 10 Gigabit im Gebäude reicht OM3 fast immer aus. OM4 lohnt sich, wenn Strecken über 300 Meter liegen oder 40 und 100 Gigabit absehbar sind. Der Materialaufpreis ist gering, der Aufwand fürs Nachverlegen sehr hoch.

Kann ich OM3 und OM4 mischen?
Innerhalb einer Strecke besser nicht. Beide haben 50 Mikrometer Kern und passen mechanisch zusammen, die Reichweite richtet sich dann aber nach dem schwächeren Abschnitt und die Dokumentation wird unübersichtlich.

Was passiert, wenn ich APC auf UPC stecke?
Die Endflächen berühren sich nur an einer Kante. Die Dämpfung steigt stark an, die Verbindung ist unbrauchbar, und beide Ferrulen können dauerhaft beschädigt werden. APC ist am grünen Gehäuse erkennbar.

Brauche ich für Glasfaser ein Messprotokoll?
Für eine belastbare Abnahme ja. Gemessen wird die Einfügedämpfung je Faser und Richtung, bei längeren Strecken zusätzlich per OTDR. Ohne Protokoll ist bei Störungen nicht nachweisbar, dass die passive Strecke in Ordnung ist.

Wird Singlemode im Einfamilienhaus sinnvoll?
Für die Hausverkabelung selten - dort reicht Kupfer. Sinnvoll wird OS2 dort, wo Nebengebäude, Garagen oder Werkstätten angebunden werden und die Strecke über 90 Meter liegt oder Potentialunterschiede eine galvanische Trennung erfordern.

Entscheide also zuerst über Multimode oder Singlemode, dann über die Faserklasse, dann über Stecker und Schliff. Wenn diese drei zusammenpassen und das Dämpfungsbudget gerechnet ist, bleibt die Strecke über zwei Gerätegenerationen hinweg unangetastet.

Vorausgehend Neben